Krieg im Nahen Osten.

Aktuelle Markteinschätzung.

Stand: 23.03.2026

Aktuelle Markteinschätzung zum Krieg im Nahen Osten.

Länger anhaltender Konflikt im Nahen Osten.

An den Kapitalmärkten hat ein Umdenken über den nunmehr seit drei Wochen andauernden Irankrieg und seine wirtschaftlichen Folgen eingesetzt. Die ursprüngliche Mehrheitseinschätzung einer nur kurzen, höchstens einige Wochen anhaltenden Störung der weltweiten Energieversorgung weicht mehr und mehr der Ansicht, dass der Konflikt und insbesondere die Beeinträchtigung der Rohstofflieferungen aus dem Persischen Golf länger anhalten werden. US-Präsident Donald Trump hat am vergangenen Wochenende gedroht, zeitnah die Energieinfrastruktur Irans anzugreifen, woraufhin der Iran ankündigte, mit verstärkten Angriffen auf die Energie- und Wasserinfrastruktur der Nachbarländer zu reagieren. Angesichts der Geschehnisse haben wir unser Hauptszenario angepasst. Zwar rechnen wir weiterhin nicht mit einer ölkrisenbedingten globalen Rezession. Aber hohe Rohölpreise werden wohl über einen längeren Zeitraum hinweg weltweit Konjunktur und Inflation negativ beeinflussen.

Die Straße von Hormus ist nach wie vor kaum passierbar. US-Präsident Donald Trump hat die engsten Partnerländer zur Hilfe bei der Organisation eines Geleitschutzes für den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus aufgefordert. Mit dieser Aufforderung hat er nach unserer Einschätzung eingestanden, dass die USA zumindest in näherer Zukunft nicht in der Lage und willens sein werden, diesen Geleitschutz selbst bereitzustellen. Die europäischen und asiatischen Partner haben bislang keine Bereitschaft signalisiert, dieser Aufforderung nachzukommen. Zudem haben sich die Stimmen gemehrt, die die Praktikabilität eines Geleitschutzverkehrs für eine große Zahl von Schiffen grundsätzlich in Frage stellen. Zusammen mit dem weiterhin vorhandenen, überraschend großen militärischen Potenzial des Iran wird eine baldige Normalisierung des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus noch unwahrscheinlicher. Israel hat das größte iranische Gasfeld beschossen, und der Iran hat im Gegenzug die wichtigste Anlage zur Gasverflüssigung Katars beschädigt. Damit ist es erstmals in diesem Konflikt zu nennenswerten Beschädigungen an der Energieinfrastruktur in der Region gekommen.

Der Schiffsverkehr im Persischen Golf, durch den vor dem Krieg rund 20 % des globalen Öl- und Flüssiggasangebots verschifft wurden, ist weiterhin massiv gestört. Zwar verfügen Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate über Pipelines, um einen Teil der Öllieferungen zu Häfen außerhalb des Persischen Golfs umzuleiten. Doch nur etwa ein Viertel des Gesamtvolumens an Öllieferungen, die zuvor die Straße von Hormus passiert hatten, kann über diese Pipelines zu den Abnehmern gebracht werden. Neben den eigenen Öltransporten erlaubt Iran auch anderen Schiffen die Durchfahrt, sofern zuvor eine Vereinbarung darüber getroffen wurde. Es deutet sich an, dass der Iran anstrebt, dauerhaft den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus zu kontrollieren. Die Zahl der Schiffe, denen die Durchfahrt erlaubt wird, dürfte jedoch überschaubar bleiben, weil der Iran offensichtlich die Verknappung des Öl- und Gasangebots als Machthebel einsetzen möchte. Auch andere Rohstoffe und Vorprodukte sind von dieser Verknappung betroffen.

Störung des globalen Energiemarkts dauert noch Monate an.

Hauptszenario (70 % Eintrittswahrscheinlichkeit).

In unserem Hauptszenario bleibt der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus noch über mehrere Monate hinweg gestört. Die Energieinfrastruktur wird zwar nicht in dem Ausmaß beschädigt, dass die Kapazitäten zur Förderung bzw. Verflüssigung zum limitierenden Faktor werden. Es kommt aber insgesamt nicht zu einem schnellen Rückgang des Rohölpreises, was entsprechend negative Auswirkungen auf die Weltwirtschaft hat. Gegenüber dem bisherigen Hauptszenario bedeutet dies eine Abwärtsrevision der Konjunkturdynamik und eine Aufwärtsrevision der Inflation für das Jahr 2026 sowie höhere Zinsen. Die Aktienmärkte dürften sich im Jahresverlauf wieder erholen.

Energieknappheit führt zu gravierenden konjunkturellen Auswirkungen.

Negativszenario (20 % Eintrittswahrscheinlichkeit).

Im Negativszenario steigen die Rohöl- und Erdgaspreise massiv weiter an. Es gelingt keine Normalisierung der Schifffahrt durch die Straße von Hormus, zudem führen größere Militärschläge Irans gegen die Öl- oder Gasförderkapazitäten der arabischen Nachbarn zu einer länger anhaltenden physischen Knappheit von Erdöl, Erdgas und anderen Rohstoffen. In diesem Szenario haben Rohölpreise von deutlich über 150 US-Dollar pro Barrel über einen längeren Zeitraum gravierende konjunkturelle Folgen bis hin zu einer globalen Rezession. Insbesondere die Volkswirtschaften Europas und Asiens wären stark betroffen. 

Schnelle Deeskalation.

Positivszenario (10 % Eintrittswahrscheinlichkeit).

Käme es zu einer diplomatischen Beendigung des Krieges, in der beide Seiten die Aggression einstellen, könnte sich die Lage am Ölmarkt schnell entspannen. Hierzu müsste der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus wieder in nennenswertem Umfang möglich sein. Ebenfalls zum ökonomischen Positivszenario zählt die Möglichkeit eines Zusammenbruchs des iranischen Regimes. Dazu könnte es kommen, wenn im Fall neuer Massenproteste die Sicherheitskräfte nicht mehr bereit wären, die Proteste ähnlich wie im Januar mit großer Gewalt niederzuschlagen.

Kapitalmarktreaktionen.

Die mit Abstand stärksten Bewegungen an den Finanzmärkten sind weiterhin am Öl- und am Gasmarkt zu beobachten. Der Preis für die Rohölsorte Brent bewegt sich inzwischen im Bereich von über 100 US-Dollar je Fass. Der europäische Gaspreis hat sich relativ zum Jahresanfangsniveau in etwa verdoppelt. Die Energiepreise spiegeln nach wie vor die Erwartung einer begrenzten und vorübergehenden Unterbrechung der Lieferungen wider. Bei einem Einpreisen des Negativszenarios mit strukturellen oder längerfristigen Versorgungsengpässen wären nochmals spürbar höhere Preise zu erwarten.

Die „sicheren Häfen“ Gold, US-Anleihen und Bundesanleihen können von der Unsicherheit nicht profitieren. Der Goldpreis hat merklich nachgegeben und inzwischen die Marke von 4.500 US-Dollar je Feinunze deutlich unterschritten. Die Kurse von deutschen und US-Staatsanleihen geben vor allem wegen der aufkommenden Inflationsängste nach.

An den Devisenmärkten ist eine moderate Aufwertung des US Dollar zu beobachten. Der Schweizer Franken erreichte zwischenzeitlich zum Euro ein neues Rekordhoch.

Die Aktienmärkte reagieren mit spürbaren Kursverlusten. Für in Deutschland beheimatete Anlegerinnen und Anleger mit einem global ausgerichteten Aktienportfolio wurden diese durch die Abwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar abgemildert. Angesichts der jetzt für länger erwarteten Störung der Energie-Logistikketten dürften die Aktienmärkte weiter sehr nervös bleiben. 

Fazit.

Die anfänglichen Erwartungen von sehr kurzfristigen Beeinträchtigungen mussten inzwischen korrigiert werden. Wir gehen aber weiterhin von einem zeitlich und räumlich begrenzten Militärkonflikt aus, dessen ökonomische Auswirkungen innerhalb der kommenden Quartale wieder auslaufen. Die Auswirkungen auf einzelne Volkswirtschaften fallen je nach Energieabhängigkeit unterschiedlich stark aus, im weltwirtschaftlichen Maßstab bleiben sie jedoch verkraftbar. Die Wahrscheinlichkeit für unser Negativszenario einer langanhaltenden gravierenden Beeinträchtigung der Weltwirtschaft bleibt weiterhin relativ gering. Bisherige Anlagestrategien privater Haushalte sollten beibehalten und insbesondere Aktien-Sparpläne fortgeführt werden. Allerdings ist die Risikoeinschätzung des Angriffs auf den Iran angesichts der Dimension des Militäreinsatzes und der generell fragilen Lage im Nahen Osten fortlaufend zu überprüfen. Eine intensive Beobachtung der Lage bleibt notwendig.

Aktuelle Markteinschätzung von Dr. Kater im Podcast.